Vergiss mich nicht, hörst du?

„Mein lieber Bruder!“
Der Ruf ertönt hinter ihm, als er sich durch die Menschenmenge der Kleinstadt schiebt. Zuerst bemerkt Kaim nicht, dass er gemeint ist, und setzt seine Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit fort. Aber der Ruf erklingt erneut, hängt sich gerade an ihn: „Mein lieber Bruder! Großer Bruder!“ Es ist verwirrend. Er war zuletzt vor achtzig Jahren in dieser Stadt. Es kann niemanden hier geben, der ihn kennt.
„Warte, großer Bruder! Geh nicht fort!“ In seine Verwirrung beginnt sich ein unheimliches Gefühl zu mischen, denn die Stimme, die ihn mit „großer Bruder“ anspricht, kann nur einer alten Frau gehören. Weiterhin auf der Hut, dreht er sich langsam um.

Genau wie er dachte – es ist eine alte Frau. Die winzige Alte ist gekleidet wie ein junges Mädchen und sieht Kaim mit einem strahlenden Lächeln direkt in die Augen. „Ich glaube du verwechselst mich“, sagt er und zeigt sein Unbehagen. „Nein, bestimmt nicht“, sagt sie mit energischem Kopfschütteln, und ihr Lächeln wird noch breiter. „Du bist der große Bruder Kaim!“ „Was…?“
„Was ist denn, Kaim, hast du mich vergessen?“
„Äh… naja.. also…“ Er kann sie nicht einordnen. Selbst wenn ihm das gelänge, weiß er genau, dass er keine Bekannten in dieser Stadt hat. Er fragt sich, ob das vielleicht ein zufälliges Wiedersehen mit einer Reisebekanntschaft sein könnte. Aber nein, er ist sich sicher, dass er sie nicht kennt. und was am merkwürdigsten ist, warum sollte diese Frau, die seine Großmutter sein könnte, ihn mit ‚großer Bruder‘ anreden?

„Jetzt tu nicht so, als ob du nicht weißt, wer ich bin, Kaim! Du bist so gemein!“ Sie schreit ihn so laut an, dass Menschen in der Menge stehen bleiben und sie anstarren. Natürlich nicht nur, weil sie schreit. In diesen überfüllten Straßen muss man sich immer schreiend verständigen. Das allein würde keine Aufmerksamkeit erregen. Die Stimme der alten Frau ist anders als die eines normalen schreienden Erwachsenen. Sie ist wie das unschuldige, hemmungslose Gebrüll eines kleinen Mädchens, das seinen ganzen Körper in ihr Kreischen legt.
Die Leute sehen die Alte bestürzt an und wenden rasch die Augen ab. Ihre Bestürzung ist verständlich. Das schneeweiße Haar der alten Frau ist mit einem bunten Band zusammengebunden und ihr Kleid hat ein Blumenmuster und Flatterärmel wie das eines kleines Mädchens. Viele Passanten sehen die alte Frau mit einer Mischung aus Sympathie und Mitleid an. Nach und nach beginnt Kaim, die Situation zu verstehen. Diese alte Frau hat einfach zu lange gelebt. Darum ist die Vergangenheit, die sie in ihrer Erinnerung verschlossen hat, vor ihren Augen wirklicher geworden als die Gegenwart.

Ein Passant mittleren Alters zieht an Kaims Arm. „An deiner Stelle würde ich einfach weitergehen. Lass dich nicht mit ihr ein. Sie macht nur Ärger.“ „Das stimmt“, nickt seine Frau neben ihm. „Du bist ein Fremder, also weißt du nichts über sie, aber diese Alte ist senil. Du kannst sie einfach ignorieren. In fünf Minuten hat sie alles vergesse.“ Vielleicht haben sie recht. Doch diese alte Frau kennt Kaims Namen. In dem Teil ihres Geistes, der dem kleinen Mädchen gehört, hält sie Kaim für ihren ‚großen Bruder‘.
Er versucht, seine verblassten Erinnerungen zu durchforsten. Er verbrachte damals nur einige Tage hier. Er lernte sehr wenige Menschen kennen, und es kann keiner mehr übrig sein, der sich noch an ihn erinnert. Als Kaim immer noch vor der alten Frau steht, entrüstet sich das neugierige Ehepaar: „Da versucht man, zu helfen, und was hat man davon?“, schaubt der Mann. „Sollen sie es doch unter sich ausmachen“, fügt die Frau hinzu. „Lass uns gehen.“ Was sie auch umgehend tun. In höchster Lautstärke schreit die alte Frau gellend hinter ihnen her, während sie wütend davongehen: „Vergesst mich nicht, hört ihr?“ In diesem Augenblick stellt Kaims Erinnerung die Verbindung wieder her.

Die alte Frau begrüßt freudig den Ausdruck des Erkennens auf seinem Gesicht. „Erinnerst du dich jetzt an mich?“, schreit sie. „Ich bin Shushu. Ich bin’s – Shushu!“ Er erinnert sich tatsächlich an sie, ein kleines Mädchen, das er vor achtzig Jahren in dieser Stadt kennenlernte. Damals war sie vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, ein altkluges kleines Ding, das als Tochter eines Gastwirts keine Scheu vor Fremden hatte. Sie hatte wahrscheinlich eine Redensart bei jemanden aufgeschnappt, und deswegen verabschiedete sie jeden Gast, wenn er nach einigen tagen aus dem Gasthaus abreiste, nicht mit dem üblichen ‚Auf Wiedersehen‘ oder ‚Danke‘, sondern mit einem Lächeln und einem fröhlichen „Vergiss mich nicht, hörst du?“
Aber jetzt, da er plötzlich das Mädchen unter den Falten sehen kann, muss Kaim den Blick vom Gesicht der alten Frau abwenden. „Was ist denn, großer Bruder?“ Er bringt es nicht über sich, Shushus leeres Starren direkt zu erwidern. Achtzig Jahre sind vergangen! Worüber soll man reden, wenn ein Mann, der niemals altert, einem kleinen Mädchen aus ferner Vergangenheit begegnet, das zu sehr gealtert ist?

„Lasst mich bitte durch. Entschuldigung, ich muss hier bitte mal durch.“ Ein junger Mann bahnt sich eilig einen Weg durch die Menge zu Shushu und Kaim. „Urgroßmutter! Wie oft muss ich dich noch bitten, nicht das Haus zu verlassen, ohne mir Bescheid zu sagen!“ Nachdem er mit der alten Frau geschimpft hat, wendet er sich mit einer entschuldigenden Geste an Kaim. „Es tut mir furchtbar leid, falls sie dich belästigt hat. Sie ist alt und wird langsam senil. Ich hoffe, du kannst ihr verzeihen.“
Shushu aber spitzt wütend die Lippen und will wissen: „Wovon redest du? Ich spiele doch nur mit dem großen Bruder Kaim. Was ist so schlimm daran?“ Sie sieht den jungen Mann scharf an und fragt: „Wer bist du?“ Der junge Mann wirft Kaim einen traurigen Blick zu und beginnt wieder, sich zu entschuldigen. Mit einem gequälten Lächeln unterbricht Kaim ihn. Kaim weiß, dass es manchmal trauriger und herzzerreißender sein kann, wenn ein Leben lange andauert, als wenn es vorzeitig zu Ende ist. Aber wie traurig und herzzerreißend ein Leben auch sein mag, niemand hat das Recht, darauf herumzutrampeln.

„Sie scheint es einfach nicht in ihren Kopf zu bekommen, dass sie alt ist. Selbst wenn ich ihr einen Spiegel vorhalte, fragt sie: ‚Wer ist diese alte Frau?'“ Der junge Mann names Khasche erklärt Kaim weiter: „Manchmal vergisst sie, dass sie schon gefrühstückt hat, aber die Erinnerungen aus ihrer Kindheit sind teilweise glasklar.“ Kaim nickt in stummen Verständnis. Khasche und Kaim sitzen auf einer Bank auf dem zentralen Platz der Stadt und sehen zu, wie Shushu Blumen pflückt. Offenbar fertigt sie einen Blumenkranz für ihren wiedergefundenen ‚großen Bruder‘.
„Aber hast du denn überhaupt Zeit für solche Geschichten? Warst du nicht gerade auf dem Weg irgendwohin?“ „Nein, schon gut, keine Sorge.“ „Vielen Dank.“ Zum ersten Mal lächelt er und sagt: „So glücklich habe ich sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“ Der junge Mann scheint überzeugt davon, dass Kaim seine Urgroßmutter an jemanden erinnert, den sie als Kind kannte. Kaim lässt ihn in dem Glauben. Er weiß, dass Khasche sich nicht vorstellen kann und auch nicht muss, dass jemand niemals altert.

„Mit ihrer Gesundheit geht es in letzter Zeit wirklich bergab. Bei jedem Fieber fragen wir uns, ob das ihr Ende ist, und wir bereiten uns auf das Schlimmste vor. Aber dann ist sie plötzlich wieder auf den Beinen. Manchmal sagen wir im Scherz, ihr Geist sei so verwirrt, dass sie vergessen hat zu sterben.“ Kaim sieht den jungen Mann im Profil. Auf Khasches Gesicht liegt ein sanftes Lächeln, als er von seiner Urgroßmutter spricht. Als er klein war, hat sie ihn bestimmt in ihren Armen gewiegt und mit ihm gespielt. Als erwachsener Mann passt Khasche nun auf sie auf wie ein Vater auf sein Kind. Er ruft ihr zu: „Wie schön, Urgroßmutter. So einen Blumenkranz hast du schon lange nicht mehr geflochten!“
Mit einer Handvoll Blumen im Gras kauernd, antwortet Shushu: „Das stimmt nicht. Ich habe ihm gestern erst einen Kranz gemacht!“ Dann sagt sie zu Kaim: „Stimmt’s, großer Bruder? Du hast ihn auf dem Kopf getragen, nicht?“ Kaim legt die Hände trichterförmig auf den Mund und ruft ihr zu: „Oh ja, das habe ich! Er duftete so gut!“ Shushus Gesicht überzieht sich mit einem Netz fröhlicher Falten. Überwältigt von seinen Gefühlen senkt Khasche den Kopf.

Kaim fragt Khasche: „Und du kümmerst dich um sie?“ „M-hm. Ich und meine Frau Cynthia.“ „Was ist mit deinen Eltern? Oder auch deinen Großeltern? Leben sie noch?“ Mit einem Schulterzucken sagt Khasce: Ich bin das letzte weitere noch lebende Familienmitglied.“
Seine Großeltern starben beide vor zwanzig Jahren an einer Epidemie. Sein Vater verlor sein Leben in dem Krieg, der vor zehn Jahren in dieser Gegend tobte. Seine Mutter, Shushus Enkelin, alterte schneller als ihre eigene Mutter. Ihr Lebenslicht erlosch vor fünf Jahren.

„Meine Urgroßmutter musste also im Laufe der Jahre ein Begräbnis nach dem anderen begehen – für ihre Kinder und Enkel. Bevor wir es bemerkten, war sie der älteste Mensch der Stadt. Es muss einsam sein, so zu leben…“ „Da bin ich mir sicher“, antwortet Kaim. „Vielleicht ist es sogar gütig von den Göttern, den Geist der Menschen zu verwirren, wenn sie zu lange gelebt haben. Wenigstens denke ich das in letzter Zeit häufig. Man würde meinen, sie muss sich einsam fühlen, weil sie so allein zurückgeblieben ist, aber sie ist keineswegs einsam. Wenn man lange lebt, hat man viele Erinnerungen. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, die letzten Tage seines Lebens in der Welt seiner Erinnerungen zu verbringen.
Shushu steht auf, die Arme voller Blumen. „Großer Bruder Kaim!“ Jetzt mach ich für dich einen Blumenkranz! Und wenn Blumen übrig bleiben, mache ich auch noch einen für den anderen da.“ Kaim und Khasche sehen sich verdutzt lächelnd an. „Warum grinzt ihr so?“, fragt Shushu. „Seid ihr zwei jetzt Freunde?“ Sie reißt ihre von Runzeln umrahmten Augen überrascht auf, schenkt den beiden Männern ein fröhliches Lächeln und bricht auf dem Gras zusammen.

Khasche will einen Arzt holen, aber Kaim packt ihn am Arm und hält ihn mit den Worten zurück: „Du solltest lieber bei ihr bleiben.“ Ironischerweise hat Kaim, der niemals wirklich wissen wird, wie es sich anfühlt, alt zu werden, genau aus diesem Grund zahllose Tode miterlebt. Seine Erfahrung sagt ihm, dass Shushu sich diesmal nicht erholen wird.
Shushu liegt dort auf dem Rücken, wo sie hingefallen ist, die Blumen nu auf ihrer Brust verteilt. Auf ihrem Gesicht liegt ein Lächeln. „Warte nur eine Minute, großer Bruder kaim. Gleich mache ich dir deinen Kranz…“ Ihr Geist verweilt noch immer in ihren Erinnerungen an die Vergangeheit. Wird es bis zum Ende so bleiben?

„Halte durch, Urgroßmutter! Gib nicht auf!“ Khasche umklammert ihre Hand und ruft mit tränenerstickter Stimme ermutigende Worte, aber sie weiß vielleicht nicht einmal, dass es ihr eigener Urenkel ist. „Ich bin es, Urgroßmutter, Khasche! Du hast mich doch nicht vergessen, oder? Ich habe dich gestern Abend gebadet. Da wusstest du doch, wer ich bin, nicht wahr?“ Khasche redet so flehentlich auf sie ein, wie er kann. Aber Shushu, ein mädchenhaftes Lächeln auf den Lippen, befindet sich schon im Aufbruch in jene ferne Welt.
„Ich werde bald Vater, Urgroßmutter! Weißt du noch? Ich habe es dir gestern Abend erzählt. Cynthia hat ein Baby im Bauch. Dann bist du Ururgroßmutter! Unsere Familie wird wachsen – noch ein Mensch von deinem Fleisch und Blut.“ Immer noch lächelnd, ergreift Shushu mit zitternden Fingern eine der Blumen auf ihrer Brust. Sie streckt sie Khasche entgegen und sagt mit einer Stimme, sie kaum lauter als ein Flüstern ist: „Vergiss mich nicht, hörst du?“

Khasche versteht nicht. Wie könnte er auch den kleinen Satz kennen, den sie immer sagte, lange bevor er geboren wurde? Kaim legt Khasche den Arm um die Schulter und sagt: „Antworte ihr.“
„Ich weiß, was du meinst, Urgroßmutter. Ich werde dich nicht vergessen. Niemals. Wie könnte ich meine eigene Urgroßmutter vergessen?“

„Vergiss mich nicht, hörst du?“

„Ich werde dich nicht vergessen, Urgroßmutter, bestimmt nicht. Ich werde immer an dich denken.“

„Vergiss mich nicht, hörst du?“

Shushu schließt die Augen und legt ihre Hand auf die Blumen auf ihrer Brust, als taste sie dort nach etwas. Es scheint fast, als versuche sie, die Tür zu öffnen, hinter der die Erinnerungen eingeschlossen sind. Eine sanfte Brise streicht über sie hinweg. Die Blumen, die ihre Brust zieren, tanzen gemeinsam mit den Erinnerungen im Wind. Sicher befindet sich auch der Kaim von vor achtzig Jahren unter diesen Erinnerungen.

Kaim greift nach einem im Wind wirbelnden Blütenblatt und schließt es in seiner Hand ein. Shushu wird ihre Augen nie wieder aufschlagen. Sie ist zu einer Reise in eine Welt aufgebrochen, in der es weder Vergangenheit noch Gegenwart gibt. Hinter sich gelassen hat sie nur Kaim, der ewig weiterleben wird, und Khasche, der bald ein neues Leben auf der Welt begrüßen wird.
Khasche umklammert ihren Leichnam und wendet Kaim das tränenüberströmte Gesicht zu. „Ich danke dir so sehr“, sagt er zu Kaim, dem Reisenden. „Deinetwegen war meine Urgroßmutter ganz zum Schluss so glücklich beim Blumenpflücken.“ „Nein, das war nicht meinetwegen“, sagt Kaim. Er ballt die Faust um das Blütenblatt in seiner Hand und sagt zu Khasche: „Den Kranz hätte sie sicherlich deinem süßen Baby geschenkt.“ Khasche legt unsicher den Kopf schief und murmelt: „Ich hoffe, du hast recht.“ Aber dann sagt er, unter Tränen lächelnd: „Bestimmt hast du recht.“

„Und wegen des Versprechens, das du ihr gegeben hast – sei ein guter Urenkel und vergiss sie nicht.“ „Nein natürlich nicht.“ Die Menschen leben so lange weiter, wie sie jemand anderem im Gedächtnis bleiben.“ Mit diesen Worte macht sich Kaim langsam auf den Weg. Hinter sich hört er Shushus Stimme.

Vergiss mich nicht, großer Bruder Kaim, hörst du?

Es ist die Stimme des kleinen Mädchens von vor achtzig Jahren, die ewig klar, süß und unschuldig erklingt und dem mann Lebewohl sagt, der für immer durch das Leben reisen wird.

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