Der redselige Söldner

Die Bollwerke werden an den Feind fallen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Sie werden im Morgengrauen angreifen. Die Hauptmacht der verbündeten Streitkräfte hat sich bereits weit von der Front zurückgezogen. Nur die Söldner sind noch hinter der Barrikade, mit dem Befehl, sie bis in den Tod zu verteidigen. Diese Männer, die von Schlachtfeld zu Schlachtfeld gezogen sind, wissen genau, was das bedeutet.

„Sie haben uns einfach zum Sterben zurückgelassen“, kichert ein Söldner namens Toma in der vollkommenen Dunkelheit. „Wir sollen ihnen mehr Zeit verschaffen, damit die Hauptmacht sich weiter zurückziehen kann. Wir sollen ihre Schilde sein, unseren letzten Dienst für unsere Auftraggeber erfüllen.“ Sein trockenes, heiseres Lachen scheppert in der Dunkelheit. Kaim antwortet nicht. Andere Söldner müssen in der Dunkelheit um sie versammelt sein, doch alle behalten ihre Gedanken für sich.
Söldner haben sich auf dem Schlachtfeld nichts zu sagen. In der nächsten Schlacht könnten sie Feinde sein. Vor allem, wenn sie die Barrikade gegen den vernichtenden Angriff des Feindes verteidigen müssen, haben sie nicht einmal die Zeit, sich ins Gesicht zu blicken. Kaim weiß nichts über diesen Kämpfer namens Toma. Seine Stimme klingt jung. Wahrscheinlich hat er sehr wenig Erfahrung als Söldner.

Wenn ein Mann im Angesicht des Todes redselig wird, trägt er tief in sich eine Schwäche, die verhindert, dass aus ihm ein echter Soldat wird. Ein Söldner mit der leisesten Spur einer solchen Schwäche wird dem Tod nicht von der Schippe springen können. Das ist das Gesetzt des Schlachtfeldes, und ein Mann wie Toma wird dieses Gesetz erst auf der Schwelle zum Tod lernen.
„Wir sind erledigt. Morgen früh sind wir alle tot. Wir werden diese ’stille Heimkehr‘ erleben, von der alle reden. Ich ertrage das nicht. Ich ertrage das einfach nicht.“ In der Dunkelheit erhebt sich keine Stimme, um diese Gefühle mit zu ertragen. Es ist zu spät dafür. An dem Tag, an dem sie sich für den Weg des Söldners entschieden, hätten sie den Tod akzeptieren müssen. Sie verkaufen ihr Leben für ein wenig Geld. Sie verlängern ihr Leben tageweise, indem sie Leben nehmen, einen Feind nach dem anderen. Das ist ein Söldner, nicht mehr und nicht weniger.

„He… kann mich jemand hören? Wie viele sind wir hier? Wir werden alle zusammen sterben. Morgen früh sind wir bloß noch ein Haufen Leichen. Sagt doch was. Antwortet mir!“ Niemand sagt etwas. Anstelle von Stimmen beginnt sich die dunkle Stille mit einem greifbaren Gefühl des Verdrusses zu füllen. Wortlos auf dem Schlachtfeld zusammenkommen; wortlos gegen den Feind kämpfen; ebenso wortlos sterben. Das ist die Regel des Söldners, die ‚Ästhetik‘ des Söldners, wenn dieser Ausdruck angemessen ist. Doch Toma hat sich entschieden, sich von dieser Ästhetik abzuwenden.
„Ich wusste von Anfang an, dass es hoffnungslos ist. Im Hauptquartier wussten sie nicht, was sie taten. Solch eine Strategie kann nicht funktionieren. Jungs, ihr wisst doch, wovon ich spreche, oder? Wir können nur verlieren. Was für ein Schlamassel! Ich wünschte, ich hätte mich der anderen Seite angeschlossen. Dann hätten wir einen Haufen Geld für den Sieg bekommen. Wir hätten uns sinnlos betrinken können. Wir hätten alle Frauen haben können. ich hatte die Wahl, aber ich habe mir die falsche Seite ausgesucht…“

„He, du!“, donnerte eine ältere Stimme aus der Dunkelheit. Eine wütende Stimme. „Ja, was?“, antwortete Toma, seine Stimme jetzt lebhafter, da endlich jemand mit ihm redet. Als wolle er seinen vorübergehenden Eifer niederschmettern, fährt der andere Mann fort: „Wie wär’s, wenn du mal deine Klappe hälst? Wenn du weiter wie ein Wasserfall redest, kann ich dich auch eine Weile vor uns anderen ins Jenseits schicken.“ „T-tut mir leid…“, verstummt Toma entmutigt und die Dunkelheit ist wieder still. Es liegt jedoch eine starke Anspannung in der Stille. Eine noch viel stärkere Anspannung als vor Tomas Redeschwall.
Die Veteranen wissen, dass man sich vor redseligen Männern hüten muss. Redselig zu sein bedeutet, auf Worte zu vertrauen – zu sehr auf Worte zu vertrauen. Worte sind auf dem Schlachtfeld nutzlos. Man nimmt schweigend seine Waffen, wappnet sich schweigend, kämpft schweigend und tötet den Feind – oder er tötet einen – schweigend. Alle Söldner hier haben so gelebt. Alle Söldner, außer dem Redseligen. Ein Soldat, der zu verzweifelt an Worten hängt, klammert sich vielleicht ebenso verzweifelt an etwas anderes –  an die süße Falle des Verrats etwa oder die Verführung der Fahnenflucht unter Beschuss oder die Verlockung des Wahnsinns.

Kaim hat häufig bemitleidenswerte Söldner erlebt, die durchdrehten und eigene Männer angriffen, weil sie es nicht ertrugen, vom Feind umzingelt zu sein. Wird das bei Toma auch der Fall sein? Die Möglichkeit besteht durchaus, und zweifellos denken die anderen Männer dasselbe. in der Stille werfen sie Toma dieselben Blicke zu wie einem Feind im Kampf, suchen nach Änderungen in seinem Verhalten. In dem Augenblick, in dem sie die leiseste Bedrohung in ihm sehen, wird eine Klinge geräuschlos die linke Seite seiner Brust durchbohren.
Die Stille hält an. Nicht einmal das allnächtliche Summen der Insekten ist heute Nacht zu hören. Vielleicht waren die Insekten schlau genug, vor dem feindlichen Angriff im Morgengrauen zu fliehen. Dabei fällt Kaim auf, dass er gestern auch keine Vögel in der Gegend gesehen hat. Als die Männer die Befestigung errichteten, kamen Tiere auf der Suche nach Futter, doch seit mehreren Tagen gab es kein Zeichen mehr von ihnen. Tiere haben eine geheimnisvolle Vorahnung, die den Menschen verloren gegangen ist. Das zeigt sich in schmerzlicher Deutlichkeit auf jedem Schlachtfeld.

Es besteht kaum Zweifel, dass die Tiere sich von dieser Barrikade abgewandt haben. Vielleicht fliegt gerade jetzt in einem fernen Wald ein großer Schwarm schwarzer Vögel auf, um das Fleisch von den Knochen menschlicher Leichen zu picken: „Zeit für ein Festmahl, Jungs!“ Irgendwie wissen sie es schon. Sobald die Sonne ganz aufgegangen ist, wird die Schlacht vorbei sein. Wenn sie nicht als Erste hier eintreffen, werden sie ihr Festmahl an einen anderen Schwarm verlieren. Ihre schwarzen Körper unsichtbar vor dem Nachthimmel, fliegen diese Vögel jetzt wahrscheinlich so schnell sie können.
Eine Stimme in der Nacht. Tomas Stimme. Er weint. „Hört mal , Männer… Egal wie viele wir sind, wir werden alle morgen früh sterben… oder jedenfalls die meisten. Vielleicht können ein oder zwei entkommen, mehr nicht. Die Chancen stehen wirklich schlecht. Ihr habt das alles schon durchgemacht. ihr seid erfahrene Kämpfer. Kriegshelden, ihr habt wahrscheinlich keine Angst. Aber… auch wenn ihr keine Angst habt, findet ihr das nicht bescheuert? Hm? Sagt schon! Ihr habt viel mehr Schlachten erlebt als ich, also sagt mir… was zum Teufel machen wir hier? Wir hassen den Feind nicht, wir schulden den Anführern auf unserer Seite nicht das Geringste, aber wir müssen den Feind töten und die Befehle unserer Anführer befolgen… und trotzdem werden wir dabei draufgehen. Hat das denn einen Sinn? Ist das nicht absoluter Blödsinn?“

Die einzige Antwort ist ein ungeduldiges Zungenschnalzen in der Dunkelheit, gefolgt vom entnervten Stöhnen eines anderen. „Ich ertrage das nicht mehr“, sagt Toma. „Es ist schrecklich“, und jetzt schluchzt er. „Ich wollte doch nur etwas Geld und vielleicht etwas Besseres zu Essen und auch mal ordentliche Kleidung. Damit wäre ich zufrieden gewesen. Es war ein Fehler, eine solche Arbeit anzunehmen. ich hätte das nie tun sollen…“
Kaim wartet mit wachen Sinnen auf eine Bewegung in der Nacht. Außer ihm und Toma kauern noch fünf weitere Soldaten in der Dunkelheit, alles erfahrene Krieger. Sonst hätten sie Tomas Gewinsel nicht ertragen können. Hätten sie zugelassen, dass der Zorn sie übermannt, und begonnen, ihn anzuschreien oder ihn am Hals zu packen oder auf ihn einzuschlagen, hätten sie nur ihre Kraft und Energie vergeudet, bevor im Morgengrauen die ‚Arbeit‘ beginnen würde. Wenn sich hier Männer versammelt haben, die ruhig bleiben können, sind die Überlebenschancen sehr viel größer, vorrausgesetzt, dass der redselig, schluchzende Söldner keine zu große Last für die anderen wird.

Noch immer schluchzend fährt Toma fort, sein Schicksal zu verfluchen. Plötzlich ist etwas anders, etwas rührt sich in der Dunkelheit. Das könnte übel enden, denkt Kaim und schärft seine Aufmerksamkeit noch mehr. Wenn der Morgen graut, wird Toma uns im Weg sein. Seinetwegen wird die Chance auf ‚Leben‘ dahinschwinden. Die Söldner wissen das, und daher tun sie vielleicht alles, was nötig ist, um sich auch die geringste zusätzliche Überlebenschance zu sichern.
„Ich will nicht hier sterben, das sage ich euch. Nicht jetzt, nicht hier, wie ein unwürdiger Hund. So denkt ihr doch auch, oder?“ Das Mondlicht scheint durch einen Riss in den Wolken. Einen Sekundenbruchteil lang erscheint Tomas tränenüberströmtes Gesicht in der Dunkelheit. Er ist sogar noch jünger, als Kaim aus dem Klang seiner Stimme geschätzt hatte. Er ist fast noch ein Kind. Wolken ziehen vor den Mond und dichte Schwärze umhüllt wieder alles.

Ein Stumpfes Licht blitzt in der Dunkelheit auf. Ohne ein Wort schießt Kaim blitzschnell darauf zu. Als der Mond kurz auf sie herabschien, hat er die Entfernung zwischen sich und Toma abgeschätzt. Kaim ergreift Tomas Arm. Etwas Hartes fällt zu Boden. Das stumpfe Licht blitzt wieder auf, diesmal zu ihren Füßen, und verschmilzt dann wieder mit der Dunkelheit. Ein Messer. In seiner Todesangst wollte Toma sich selbst die Kehle durchschneiden. Toma windet sich und versucht, seinen Arm aus Kaims Griff zu befreien, doch Kaim schlägt ihm auf den Solar Plexus. Ohne einen Laut verliert Toma das Bewusstsein.
Mit Toma über der Schulter läuft Kaim durch die Dunkelheit. Schließlich wacht Toma auf und strampelt mit den Beinen, um sich zu befreien. „Halt! Lass mich runter!“ Kaim stellt ihn auf den Boden. „Ab und zu kommt der Mond hervor. Dann musst du dich orientieren. Geh immer auf den untergehenden Mond zu“, sagt Kaim sanft.

„Wovon sprichst du denn?“ „Das ist die einzige Möglichkeit, wie du hier rauskommst.“ Kaim hat die schwächste Stelle der feindlichen Umzingelung gewählt. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass er gerettet ist, wenn er durchkommt. Von jetzt an wird Toma an sein eigenes Glück und seine Fähigkeiten glauben müssen. „Kommst du mit?“ fragt Toma. „Nein, ich gehe zurück. Du fliehst allein.“ „Warum? Komm doch mit. Wir fliehen zusammen. Komm mit!“
Toma hängt sich flehend an Kaims Arm, aber Kaim schlägt ihn hart auf die Wange. Das Fleisch dieser Wange ist zu weich für einen erfahrenen Krieger. Es ist das Fleisch eines Jungen. Eines Kindes. „Du gehst allein.“ „Aber warum?“ „Um zu leben, darum.“ „und was ist mit dir? Du willst doch auch leben, oder? Du solltest mit mir davolaufen. Du willst doch nicht sterben, oder?“

Leben? Nein. Kaim hat keine große Lust zu leben. Er lebt, weil er keine Wahl hat. Er lebt, weil er muss. Toma ist viel zu jung -seine eigene Lebenslast viel zu leicht-, als dass er die Qual eines solchen Lebens ermessen könnte.
„Wir Söldner leben, um zu kämpfen.“ „Aber…“ „Jetzt verschwinde schon. Du vermasselst uns noch alles.“ „Ihr werdet diese Schlacht nie gewinnen. Also warum nicht weglaufen?“ „Es ist unsere Aufgabe, zu kämpfen.“ Mit diesen Worten dreht Kaim sich um und macht sich auf den Rückweg. Toma sieht Kaim hinterher. Einen Augenblick später läuft er auch los, in den Wald im Westen.

Kämpfen oder fliehen: Kaim weiß nicht, was die größeren Überlebenschancen birgt. Seiner Meinung nach ist es auch besser, das nicht zu wissen. Außer… „Ich hoffe, du schaffst es, mein Junge“, murmelt er im Weitergehen. Der Himmel im Osten wird allmählich heller. bald wird der feindliche Großangriff beginnen.
Aus dem Wald im Westen steigen ein paar Vögel in die Luft. Vielleicht hat lautlos ein kleiner Kampf begonnen. Oder der arme junge Söldner ist mit dem Rücken zum Feind gefallen. Kaim sieht weder zurück noch verlangsamt er seine Schritte. Er ist sicher, dass er diesen redseligen Söldner schon einmal gesehen hat. Bevor der Krieg ausgebrochen ist, hatte der Junge auf dem Markt an der Hauptstraße Obst verkauft. Er war ein guter Junge, kümmerte sich rührend um seine Mutter, sagten die Marktfrauen. Ich wünsche dir ein langes, erfülltest Leben, denkt Kaim, während er weitergeht und in den heller werdenden Himmel im Osten blickt.

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Eine Antwort to “Der redselige Söldner”

  1. Vielen Dank für das aufschreiben der ganzen Träume. Und allen die vielleicht noch folgen 🙂
    Ich suche die Texte schon lange und hatte gehofft das das Buch mal auf deutsch übersetzt erscheint. Ist leider nicht passiert.

    lg

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